Recife bis Bequia - Der letzte Teil unserer Weltumseglung hat es in sich.
- Sarah Zemp

- Mar 17
- 14 min read
Von Recife aus sind wir mit einem Nachttörn nach Cabedelo aufgebrochen und dort am 31.07.2025 um 9 Uhr morgens angekommen. Die Überfahrt hatte gleich einen kleinen Adrenalinkick parat: Am Abend wären wir beinahe mit einem kleinen
Fischerboot ohne Licht kollidiert. Ich hatte es nur zufällig in der Dämmerung entdeckt, als ich gerade in die Küche gehen wollte. Thomas reagierte blitzschnell und konnte mit einem raschen Ausweichmanöver das Schlimmste verhindern. Danach war an entspanntes Segeln erstmal nicht mehr zu denken – die Nacht verbrachten wir damit, hochkonzentriert Ausschau zu halten.
Die Jacaré Marina war danach ein wunderbarer Kontrast zu den Hochhäusern von Recife. Statt dort einen Liegeplatz zu nehmen, entschieden wir uns allerdings zu ankern – unsere Bordkasse fand diese Entscheidung nämlich ausgesprochen sympathisch.
Ankern, Caipirinhas und… Kakerlaken
Wir blieben schliesslich bis zum 11.09.2025 vor Anker vor der Jacaré Marina. Das Gute daran: Wir durften uns über die Marina mit Wasser versorgen, es gab ein Dinghi-Dock und mit Uber konnten wir problemlos alles erledigen, was an Land anfiel. Sogar einen portablen Generator konnten wir dorthin bestellen, um unsere Ladeprobleme zumindest bis Martinique zu überbrücken. Die Zeit nutzten wir, um das Leben ein wenig zu geniessen: Caipirinhas an verschiedenen Orten testen (rein wissenschaftlich natürlich), kleinere Defekte an Bord reparieren und uns um Dinge kümmern, die auf einer langen Reise früher oder später auftauchen. Zum Beispiel: Kakerlaken.
Bis Brasilien hatten wir diese Plage erfolgreich vermeiden können – doch irgendwann war es soweit. Gott sei Dank reagierten wir schnell und konnten diese kleinen, äusserst unsympathischen Mitsegler rasch wieder ausrotten. In Brasilien scheint das Problem recht verbreitet zu sein, denn entsprechende Fallen und Pasten bekommt man überall problemlos. So angenehm die Zeit auch war – irgendwann wurde das Leben vor Anker etwas anstrengend. In diesen Flüssen herrscht eine starke Strömung, und unsere Peruagus tanzte ständig wild um die Ankerkette herum.
Als unser Generator angekommen war und sich ein passendes Wetterfenster auftat, war klar: Aufbruch Richtung Französisch-Guayana.
Unser nächstes Ziel: Saint Laurent du Maroni in Französisch-Guayana. Dort wollten wir in einen Flussarm mit Süsswasser fahren – der Plan war, den Bewuchs am Rumpf (vor allem Seepocken) auf natürliche Weise sterben zu lassen. Doch wie das auf Reisen so ist: Meistens kommt alles anders als man denkt.
Die Überfahrt war recht windig – trotzdem mussten wir immer einen Motor mitlaufen lassen. Der Grund: Durch die vielen Seepocken am Rumpf liess sich unsere Peruagus kaum noch sauber steuern. Am 15.09.2025 überquerten wir zum zweiten Mal auf unserer Reise den Äquator. Natürlich wurde auch diesmal die traditionelle Zeremonie für Poseidon abgehalten – obwohl der Meeresgott uns auf dieser Weltumseglung nicht immer besonders wohlgesonnen war.
Gegen Ende der Überfahrt flaute der Wind zunehmend ab. Also gönnten wir uns kurzerhand eine Abkühlung im Meer – mitten im Atlantik. Danach segelten wir ganz gemütlich mit dem Parasailor weiter. Die Idylle hielt allerdings nicht lange. Plötzlich kam ein Fischerboot ohne jegliche Fischereiausrüstung direkt auf uns zugedonnert – und machte keinerlei Anstalten auszuweichen. Also holten wir vorsichtshalber unsere Fischerleine ein. Da wir uns im Norden Brasiliens befanden und schon einige Geschichten aus dieser Region gehört hatten, wurden wir zunehmend nervös. Als das Boot näherkam, stellten wir fest: Die Männer filmten uns – und beobachteten uns mit Ferngläsern. Wir versuchten ruhig zu bleiben, was ehrlich gesagt ziemlich schwierig war. Die Kommunikation gestaltete sich ebenfalls… sagen wir: begrenzt. Schliesslich kam die überraschende Frage: Ob wir Fisch kaufen wollten. Wir lehnten höflich ab und hofften insgeheim, dass sie danach einfach wieder verschwinden würden. Stattdessen begleiteten und inspizierten sie uns noch weitere 5–10 Minuten, bevor sie schliesslich ihren eigenen Kurs einschlugen. Puh. Die Erleichterung war gross. Doch wie sich bald herausstellen sollte, wartete das eigentliche Problem noch auf uns …
Der Tag vor unserer Ankunft in Cayenne hatte es in sich. Ursprünglich wollten wir weiter nach Saint Laurent du Maroni segeln, doch das Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung. Zu viele Gewitterzellen zogen durch die Gegend – das Risiko war uns zu gross. Also änderten wir unseren Plan: zuerst nach Cayenne.
In diesem Gebiet muss jede Etappe wegen der starken Strömungen genau geplant werden. Timing ist alles. Zunächst lief alles nach Plan, doch plötzlich schlief der Wind komplett ein. Unser Parasailor fiel kraftlos zusammen. Also bargen wir das Segel und liefen fortan unter Maschine weiter – diesmal ausnahmsweise mit beiden Motoren bei 1800 RPM, um rechtzeitig mit der einlaufenden Strömung in Dégrad des Cannes anzukommen. Normalerweise läuft bei uns nur ein Motor, aber manchmal zwingen einen die Umstände zu Ausnahmen.
Um 20:15 Uhr – wir waren ausnahmsweise beide noch wach – bemerkten wir, dass unsere Geschwindigkeit rapide abnahm. Sofort nahmen wir die Motoren aus dem Gang und liefen mit der Taschenlampe zum Heck. Der Anblick liess uns sofort erstarren: Backbord und Steuerbord trieben jeweils grosse Fischerbojen. Der Alptraum jedes Seglers.
Und natürlich passierte das Ganze mitten in der Nacht. Neumond. Absolute Dunkelheit.
Mit viel Mühe gelang es uns, auf der Backbordseite mit Bootshaken und meinem Schweizer Sackmesser die dicke Leine zu fassen und durchzutrennen. Die Boje auf der Steuerbordseite jedoch erwies sich als deutlich hartnäckiger. Sie klebte förmlich an unserer Bordwand und die Leine stand unter Spannung.
Schliesslich überwand ich mich, legte die Sicherungsleine an und stieg ins schwarze Wasser hinunter. Mit dem Messer tastete ich mich zur Leine vor und konnte sie schliesslich durchtrennen. Doch damit war das Problem noch nicht gelöst: Eine weitere, dünnere Leine mit Haken hatte sich bereits um den Steuerbordpropeller gewickelt. Auch diese konnten wir kappen und das lose Ende an Bord sichern.
Wir dachten: Problem gelöst. Weiter geht’s bis zum Morgengrauen – mit einem Motor.
Doch als ich den Backbordbordmotor startete und Gas gab, passierte… nichts.
Also wieder ins Wasser. Mit dem Scheinwerfer tauchte ich hinunter – und traute meinen Augen kaum: Der Propeller war weg. Einfach verschwunden.
Unser Ziel war nun klar: Wir mussten die verbleibenden 15 Seemeilen bis zur Grenze von Französisch-Guayana schaffen. Unsere Probleme wollten wir ganz sicher nicht auf der brasilianischen Seite lösen.
Also setzten wir das Vorsegel. Mit rund drei Knoten Strömung und langsam zunehmendem Wind arbeiteten wir uns Meile um Meile vorwärts. Schlaf war in dieser Nacht undenkbar. Zu viele Fragen, zu viele Sorgen.
Am nächsten Morgen stieg Thomas – dick eingepackt, um sich nicht an den scharfkantigen Seepocken am Rumpf zu verletzen – ins Wasser. Mit zusätzlichem Gewicht und im Klettergurt gesichert tauchte er mehrmals zum Propeller hinunter. Nach drei Tauchgängen gelang es ihm tatsächlich, die verbliebene Leine aus dem Steuerbordpropeller zu entfernen.
Immerhin: Wir hatten wieder einen funktionierenden Motor.
Mit Mühe und Not segelten wir weiter bis vor die Hafeneinfahrt von Dégrad des Cannes. Doch mit nur einem Motor, starkem Strom und zunehmend kräftigem Wind konnten wir das Schiff nicht mehr sauber gegen den Wind drehen. Ankern war unmöglich. Weitersegeln ebenfalls.
Wir waren manövrierunfähig.
Bereits zuvor hatten wir den Hafen per E-Mail kontaktiert – ohne Antwort. Rund 20 Meilen vor der Hafeneinfahrt begannen wir zu funken. Doch auch über Funk kam zunächst keinerlei Reaktion. Was nun?
Zum Glück hatten wir einen Freund: Nicolas, der bereits in Dégrad des Cannes lag. Wir riefen ihn an. Auch er setzte alle Hebel in Bewegung und kontaktierte die Seenotrettung in Fort-de-France auf Martinique.
Schliesslich meldete sich ein Kriegsschiff über Funk und erklärte uns, dass wir einen offiziellen Emergency Call absetzen müssten, sonst würde niemand aktiv werden. Also tat ich genau das.
Und plötzlich kam Bewegung in die Sache.
Wir wurden aus Martinique über WhatsApp kontaktiert – irgendwann wussten wir selbst nicht mehr genau, mit wem wir alles sprachen. Schliesslich wurde ein Zollboot, das vor der Hafeneinfahrt wartete, angewiesen, uns aufzunehmen und in den Hafen zu schleppen. Inzwischen war es natürlich längst dunkel. Der Wind hatte auf etwa 23 Knoten aufgefrischt, die Wellen bauten sich auf und mit dem einsetzenden Gegenströmung wurden die Bedingungen alles andere als angenehm.
Um die Schleppleine zu übergeben, warfen sie uns einen sogenannten Monkey’s Fist zu – genau wie im Panamakanal. Daran hing eine dünne Vorleine, mit der wir die schwere Schleppleine vom Zollboot an Bord ziehen konnten.
Doch dann ging plötzlich etwas schief.
Auf dem Zollboot gab es ein Problem, und die Leine lief nicht mehr frei. Ich stand vorne auf dem Trampolin-Netz unseres Katamarans und merkte plötzlich, dass sich die dünne Vorleine um mein Bein gewickelt hatte. Thomas kam sofort nach vorne, um zu helfen und rief gleichzeitig zum Zollboot hinüber.
Doch während sie ihr Problem lösten, entfernte sich das Boot immer weiter – und die Leine kam zunehmend unter Spannung. Wir hatten kein Messer dabei.
Ich sah im Kopf bereits das ganze Szenario ablaufen, wie das enden könnte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit – wahrscheinlich war es nicht mal eine Minute – gelang es Thomas und mir, die Leine von meinem Bein zu lösen. Doch der Schock sass tief. So tief, dass ich danach kaum noch funktionieren konnte.
Die nächsten 3,5 Stunden steuerte Thomas alleine.
Bei diesen Bedingungen unsere Peruagus sicher in den Hafen zu bringen, war eine unglaubliche Leistung. Da wir keine richtigen Abschleppleinen hatten, kam immer wieder enorme Last auf unsere Klampen. Alles knarrte und ächzte, wenn das Zollboot erneut Zug aufnahm. Die Leinen hatten praktisch kein Spiel – jeder Ruck ging direkt durchs ganze Schiff. Schliesslich erreichten wir den Hafen.
Mit einem eleganten Manöver nahm uns das Zollboot längsseits von ihnen und wir durften die Nacht direkt dort verbringen.
Der Kapitän meinte nur:
„Kommt morgen um acht Uhr auf einen Kaffee vorbei, dann besprechen wir alles Weitere.“
Wir waren völlig erschöpft. Seit über 24 Stunden hatten wir weder geschlafen noch richtig gegessen. Aber jetzt wollten wir nur noch eines: einen Drink, und dann ab ins Bett.
Am nächsten Morgen ging es direkt weiter. Wie vereinbart trafen wir uns auf dem Zollboot, tranken gemeinsam einen Kaffee und besprachen das weitere Vorgehen. Die Situation war zwar noch immer etwas surreal, doch die Zöllner waren unglaublich hilfsbereit. Sie fuhren mich sogar zum Geldautomaten, denn die 2.300 Euro für das Abschleppen mussten bar bezahlt werden.
Das Zollboot musste anschliessend wieder weiter, also stellten sie den Kontakt zur lokalen Abschleppfirma De Boer her. Auch der Hafenmeister kam vorbei, um sich ein Bild der Lage zu machen. Bis das Abschleppen und das spätere Auswassern organisiert waren, durften wir vorübergehend in die alte Marina verlegen – allerdings mit dem Hinweis, dass dies nur für zwei bis drei Tage möglich sei.
Schliesslich erschien das Boot von De Boer und schleppte uns die kurze Strecke zur alten Marina. Ein kleiner Schritt – aber für uns fühlte es sich wie ein grosser Fortschritt an.
Aus den angekündigten zwei bis drei Tagen wurden am Ende ganze drei Wochen. Langweilig wurde uns jedoch keine Minute. Zuerst musste alles organisiert werden: Ersatzteile bestellen, einen Dieselmechaniker finden, das Auswassern planen und natürlich auch das grosse Abschleppen vorbereiten. Wie so oft auf einer Reise lief nichts ganz nach Plan – und jede Kleinigkeit wurde zur kleinen Herausforderung.
Die benötigten Ersatzteile mussten wir aus Martinique bestellen. Einen Dieselmechaniker fanden wir zum Glück über den Kapitän eines lokalen Schleppers – manchmal hilft eben ein einziges Gespräch zur richtigen Zeit. Der Organisator der Abschleppfirma De Boer nahm sich ebenfalls Zeit für uns und fuhr uns zur Auswasserungsstelle, damit wir gemeinsam das weitere Vorgehen besprechen konnten.
Denn auch das Abschleppen dorthin war alles andere als trivial. Wetter, Gezeiten und Wasserstand mussten genau stimmen, damit die Untiefen im anderen Flussarm sicher überwinden konnten. Insgesamt lagen noch einmal sechs Stunden Schleppfahrt vor uns – ein Manöver, das sorgfältig geplant werden musste.
Als die Ersatzteile ankamen, wartete die nächste Überraschung auf uns: Einer der Propeller war beschädigt. Beim Transport war eine Ecke abgesplittert. Doch jetzt, wo bereits alles organisiert war, kam Aufgeben nicht mehr infrage. Also mussten wir innerhalb von drei Tagen jemanden finden, der den Propeller reparieren konnte.
Unser Mechaniker Nicolas erwies sich dabei als echter Glücksfall. Hilfsbereit, lösungsorientiert und bestens vernetzt – er fand tatsächlich jemanden, der den Propeller kurzfristig instand setzen konnte. Wenn wir auf die Antwort und Hilfe von DHL gewartet hätten, wer weiss – vielleicht würden wir sonst heute noch in Französisch-Guayana auf einen neuen Propeller warten.
Zwischen all den organisatorischen Herausforderungen brauchten wir allerdings auch hin und wieder eine Pause. Wir mieteten ein Auto, erledigten einen Grosseinkauf, wuschen Wäsche und kümmerten uns um all die kleinen Dinge, die sich in solchen Situationen ansammeln. Danach zog es uns in die Natur. Ein Ausflug führte uns tief in den Dschungel zum Cacao Village, einem kleinen Ort mit überraschender Geschichte. Das Dorf wurde von Hmong-Flüchtlingen aus Laos gegründet und ist heute bekannt für seine Märkte, frischen Kräuter, exotischen Früchte und die köstliche asiatische Küche – ein faszinierender kultureller Kontrast mitten im südamerikanischen Regenwald.
Anschliessend erkundeten wir die Küste und die Umgebung, genossen die Landschaft und versuchten, für ein paar Stunden einfach nur Reisende zu sein. Wir trafen auch Nicolas und seine Familie wieder, und Georgios unser griechischer Freund lud uns zu einem Barbecue auf seinem Schiff ein. Diese Momente waren unglaublich wichtig: Freunde treffen, lachen, gutes Essen teilen und für einen Abend das Gefühl haben, dass alles wieder normal ist. Genau solche Begegnungen geben einem auf einer langen Reise neue Energie.
Am 13. Oktober kam schliesslich die Abschleppfirma erneut an Bord und traf alle Vorbereitungen für den nächsten grossen Schritt. Für den 14. Oktober 2025 war das Abschleppen zur Auswasserungsstelle geplant. Das Abenteuer ging also weiter. Noch einmal sechs Stunden Schleppfahrt lagen vor uns – und viele offene Fragen: Würde alles funktionieren? Wie würde das Auswassern ablaufen? Und was würden wir unter dem Schiffsrumpf vorfinden? Fragen über Fragen – und die Antworten warteten irgendwo flussabwärts.
Wir mussten früh aufstehen. Um 05:45 Uhr ging es los. Der Morgen war ruhig und klar, ein schöner Start. Nach all den Tagen des Wartens bewegten wir uns endlich wieder. Nach etwa sechs Stunden Schleppfahrt erreichten wir die Auswasserungsstelle. Über Funk konnten wir den Austausch über VHF mitverfolgen. Zuerst hiess es, wir müssten noch etwa zwei Stunden warten. Kurz darauf folgte die nächste Nachricht: Das Auswassern sei erst am nächsten Tag möglich. Was jetzt? Das Abschleppboot musste bald wieder los, um die heikle Passage im Fluss rechtzeitig bei genügend Wasserstand passieren zu können. Also stellte sich plötzlich eine ganz praktische Frage: Wohin mit uns? Zunächst wollten sie uns ankern lassen. Doch wo genau – und was, wenn der Anker auf dem schlammigen Grund nicht halten würde? Nach einigem Hin und Her entschieden sie schliesslich, uns an der gegenüberliegenden Seite der Auswasserungsstelle an einer Art Hafenmauer festzumachen. Mehr eine improvisierte Anlegestelle als ein richtiger Hafenplatz. Der Plan der Abschleppfirma De Boer war einfach: Am nächsten Morgen würden sie mit zwei Dinghys kommen und uns von dort zur Auswasserungsrampe ziehen. Als alle weg waren und endlich Ruhe einkehrte, bemerkten wir allerdings ein Problem: Das Wasser war gar nicht tief genug an der Stelle, an der sie uns festgemacht hatten. Wir versuchten sofort, etwas zu unternehmen. Noch einmal nahmen wir Kontakt mit der Abschleppfirma auf, erklärten die Situation – doch es liess sich nichts mehr ändern. Auch die Fischerboote konnten oder wollten uns nicht helfen, uns an einen anderen Platz zu verlegen. Also lagen wir dort. Hilflos – und mit dem Wissen, dass wir in ein paar Stunden wahrscheinlich aufsitzen würden, sobald das Wasser weiter fiel. Der Hafenmeister versuchte uns zu beruhigen. Der Grund sei reiner Schlamm, sagte er, und völlig ungefährlich. Doch wirklich entspannen konnten wir uns trotzdem nicht. Hinzu kam, dass wir die Leinen ständig anpassen mussten. Etwa jede Stunde gingen wir wieder nach draussen, kontrollierten alles und holten oder fierten die Festmacher nach. An Schlaf war kaum zu denken. Die Nacht wurde lang. Währenddessen begannen unsere Gedanken erneut zu kreisen. Am nächsten Morgen sollten sie uns mit zwei Dinghys auf die andere Seite ziehen – doch zwischen uns und der Auswasserungsstelle standen mehrere Holzpfähle im Wasser. Auch dafür mussten wir einen Plan entwickeln. Also überlegten wir, wie die Leinen führen könnten und welche Manöver möglich wären. Wir schrieben der Abschleppfirma noch einmal eine Nachricht mit der Bitte, genügend lange Leinen mitzubringen – wir selbst hatten nur eine einzige Leine von etwa 50 Metern an Bord. Am Ende funktionierte tatsächlich alles. Aber nur, weil wir mitgedacht, vorbereitet und improvisiert hatten. Es war wieder eine dieser Situationen, die unglaublich belastend sind, wenn man mittendrin steckt. Umso grösser war die Erleichterung, als unsere Perugaus sicher in der Luft hing. In diesem Moment fiel eine riesige Last von uns ab.
Insgesamt verbrachten wir sieben Tage an Land. Glücklicherweise konnten in dieser Zeit alle notwendigen Arbeiten erledigt werden. Allerdings stellten wir dabei fest, dass auch der noch vorhandene Propeller beschädigt war. Zum Glück hatten wir ohnehin zwei neue Propeller bestellt, da unsere Grösse nirgends vorrätig war. Rückblickend war es eines der schwierigsten Kapitel unserer Weltumseglung – und eigentlich war es noch nicht einmal ganz abgeschlossen. Während der Arbeiten bemerkten wir nämlich auch, dass mit der Ruderanlage etwas nicht stimmte. Leider gab es in Französisch-Guayana niemanden, der sich das genauer ansehen konnte. Doch zumindest liefen unsere Motoren wieder, als wir zurück im Wasser waren. Ein wichtiger Schritt – und die Voraussetzung, um unsere Reise fortsetzen zu können. Bevor wir jedoch endgültig weitersegeln konnten, verbrachten wir noch eine Nacht vor Anker bei venezolanischen Fischern. Wir warteten auf den richtigen Moment, denn am nächsten Morgen mussten wir eine Untiefe passieren – und das war nur bei Hochwasser sicher möglich. Also wieder einmal Geduld. Ein weiterer Morgen, ein weiteres kleines Abenteuer – auf einer Reise, die uns immer wieder zeigte, dass auf See selten etwas genau so läuft wie geplant.
Nach Wochen auf träge dahinfliessenden Flüssen und zwischen braunem Wasser, das mehr Leben als wir uns je hätten vorstellen können beherbergte, war endlich der Moment gekommen: Kurs auf die Freiheit! Unser Ziel: die berühmte Île du Salut, jenes kleine Inselparadies, das durch Henri Charrières „Papillon“ weltberühmt wurde. Zwei Nächte verbrachten wir dort. Und dann war da noch dieses unbeschreibliche Gefühl: Französisch-Guayana den Rücken zu kehren. Endlich wieder in Bewegung, das Boot unter den Füssen, das Rauschen des Wassers im Ohr, die Sonne im Gesicht, das leise Gluckern am Heck. Kein Planen, kein Organisieren, kein ständiges Grübeln über das Nächste – einfach sein, einfach fahren. Am Freitag war es soweit. Punkt 08:10 Uhr hieß es: „Anker hoch!“ Wir konnten es kaum erwarten, den Schmutz und die Trägheit des Landes hinter uns zu lassen. Nach all den Strapazen mit Reparaturen, dem mühsamen Entfernen ungebetener Mitbewohner am Rumpf und dem ewigen braunen Wasser, war die Sehnsucht nach klarer See grösser denn je. Mit unseren neuen, glänzenden Propellern – deutlich effizienter als die alten Schleifmühlen – und einem blitzsauberen Unterwasserschiff schossen wir förmlich hinaus auf den Atlantik. An den Fischern vorbei, der Schlamm weit hinter uns, nur wir, das Boot und das weite Meer. Der Wind hatte sich zwar einen Ruhetag gegönnt, doch eine freundliche Strömung schob uns voran – Rückenwind ohne Wind, quasi eine Einladung zum Segelglück.
Sonntag dann die grosse Frage: gemütlich segeln und erst Dienstag ankommen – oder alles geben und schon Montag im Paradies eintreffen? Die Bürokratie auf Tobago (Health, Zoll, Immigration – die heilige Dreifaltigkeit der Karibikbürokratie) würde nur bis 16:00 Uhr öffnen, sonst hätten wir saftige „Overtime“-Gebühren riskiert. Die Entscheidung fiel schnell: Nach Monaten auf eiskaltem Wasser in Südafrika, trüben Flüssen in Brasilien und schlammigen Flüssen in Französisch-Guayana war die Vorstellung, endlich wieder im türkisblauen Karibikwasser zu baden, einfach zu verlockend. Ausserdem wollten wir keine weitere Nacht in der Nähe der venezolanischen Küste verbringen – dort lauern Begegnungen, auf die man gern verzichten kann. Also: letzte Dieselreserven in den Tank, Vorsegel hoch, volle Kraft voraus! Rückenwellen trugen uns wie auf Schienen, stellenweise erreichten wir 13,5 Knoten – reines Segelglück! Montag um 14:40 Uhr liefen wir in Charlotteville, Tobago ein. Glücklicherweise hatten wir die Boje schon Tage zuvor reserviert – nach diesem Ritt war uns eher nach „Rum on the Rocks“ als nach Ankern. Doch Entspannung? Fehlanzeige. Erstmal Dinghy klar machen, Formulare und Pässe schnappen und ab zum Amtsmarathon. Danach zurück auf unser schwimmendes Zuhause, breites Grinsen im Gesicht, kein Salz mehr auf der Haut. Das erste Bad im Meer war selbstverständlich schon erledigt – herrlich! Es fühlt sich einfach grossartig an, wieder in der Karibik zu sein, wo das Wasser glitzert, der Wind nach Freiheit riecht und das Leben einen Hauch langsamer segelt.
Tabago war für uns mehr als nur ein Zwischenstopp – es war genau der Ort, den wir gebraucht haben. Schon im Vorhinein hatten wir die Boje für einen ganzen Monat reserviert, weil wir tief in uns wussten: Es ist Zeit für eine echte Ruhepause.
Und genau das haben wir dort gefunden.
Charlotteville – klein, ruhig und voller Herzlichkeit. Ein Ort, der nicht laut sein muss, um zu berühren. Die Tage flossen sanft dahin, getragen von der warmen Luft, dem leisen Schaukeln des Wassers und der Gelassenheit der Menschen. Es war eine dieser seltenen Zeiten, in denen man einfach im Moment lebt, ohne Eile, ohne Druck.
Wir haben wundervolle Begegnungen gehabt: mit Locals, die uns mit offenen Armen empfangen haben, und mit anderen Seglern, die wir zum Teil schon kannten – ein Wiedersehen, das sich wie ein kleines Zuhause auf dem Wasser anfühlte. Jeder Austausch, jedes Lächeln hat diesen Ort noch besonderer gemacht.
Ein kleiner Ausflug hat uns neue Perspektiven geschenkt, und ich habe mir sogar einen neuen Look gegönnt – ein sichtbares Zeichen dafür, dass diese Zeit etwas in uns verändert hat. Es sind genau diese kleinen Momente, die bleiben.
Tabago ist für uns nicht einfach nur ein Punkt auf der Karte. Es ist ein Gefühl. Ein Ort, der sich leise, aber tief ins Herz eingeschrieben hat.
Und wir wissen jetzt schon: Wir werden ihn immer bei uns tragen.
Nach vier Wochen Tobago, in denen unsere Seele zwischen Palmen und Rumduft baumelte, hiess wieder: Leinen los! Die Strecke? 115 Seemeilen – harmlos klingend, doch das Meer hatte andere Pläne. Wind und Wellen lieferten eine Performance, die jede Wetter-App verhöhnt hätte. Die Überfahrt von Charlotteville nach Bequia fühlte sich an wie eine Nacht im übermotivierten Cocktail-Shaker – Schirmchen ausgeschlossen, Anmut rar. Blitze erhellten den rabenschwarzen Himmel, Piraten hätten applaudiert, Johnny Depp am Steuer fehlte nur noch.
Doch mitten im karibischen Getöse kam der Moment, der alles wettmachte: Am 25.11.2025 um 02:42 Uhr kreuzten wir unsere eigene Route. Nach exakt 36'830 Seemeilen war klar: Unsere Weltumseglung ist vollendet.
Heute Morgen um 07:45 Uhr haben wir unsere treue Peruagus an einer Boje in Port Elizabeth, Bequia festgemacht. Einklarieren erledigt, anschliessend die Weltumseglung so gefeiert, wie es sich gehört: mit einem legendären Rum Punch im Frangipani – ein kleiner Reminder, dass das Leben manchmal ganz einfach sein kann. Einmal um die Welt. Und jetzt ein Rum. Passt.
Doch erst später konnten wir wirklich erfassen und begreifen, was wir erreicht und erlebt hatten. Wir haben die Welt umsegelt, wer hat das schon erlebt?








































































































































































































































































































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